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Medikamentenengpass durch Corona

Inhaltsverzeichnis

Medikamentenengpass durch Corona: die aktuelle Lage

Noch im Sommer 2020 warnte das Europaparlament vor einem Medikamentenengpass aufgrund der Coronakrise. Deshalb wurde der Beschluss gefasst, Europas Abhängigkeit von Arzneimitteln aus Ländern außerhalb der Europäischen Union zu brechen. Doch droht derzeit überhaupt ein Engpass? Hier erfahren Sie alles zur Medikamentenversorgung zu Zeiten der Coronapandemie.

Gibt es aktuell Anzeichen für einen Medikamentenengpass?

Trotz der Coronakrise gibt es derzeit weder in Österreich noch in anderen EU-Mitgliedsstaaten Anzeichen für einen Medikamentenengpass. Allerdings ist es seit rund 2019 immer wieder zu Situationen gekommen, in denen der Bedarf an bestimmten Arzneimitteln nicht gänzlich gedeckt werden konnte. Es muss jedoch angemerkt werden, dass trotz einiger kleinerer Engpässe bisher kein Patient zu Schaden gekommen ist, da sich jedes Mal ein wirkstoffgleiches Medikament finden konnte. Das heißt aber noch lange nicht, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt. Arzneimittelengpässe können sich jederzeit einstellen, wenn es zu Unterbrechungen in der Lieferkette oder zu Problemen bei der Produktion kommt. Da die meisten Arzneimittel, die heute in der Europäischen Union im Umlauf sind, aus Asien stammen, genügt oftmals eine kleine Komplikation, um die Versorgung zum Erliegen zu bringen. Deshalb pochen viele EU-Abgeordnete darauf, dass die Arzneimittelproduktion wieder vermehrt in die Europäische Union verlagert werden soll. Mithilfe einer gut durchdachten Strategie lassen sich zukünftige Arzneimittelengpässe vermeiden.

Welche Ursachen sind größtenteils verantwortlich?

Es gibt keine einzige Ursache für Arzneimittelengpässe. Tatsache jedoch ist, dass vor rund 15 Jahren von diesem Problem gar nicht gesprochen wurde. Damals wurden die in Europa verkauften Arzneimittel vor Ort produziert – dies hat sich jedoch seitdem geändert. Heutzutage werden die meisten Arzneimittel in Ländern wie China und Indien hergestellt und anschließend in andere Länder exportiert. Die Produktion wurde bewusst in Billiglohnländer ausgelagert, um die Produktionskosten ebenso wie die Preise für das Endprodukt möglichst niedrig zu halten. Auch die Europäische Union bezieht den Großteil der Medikamente aus China und Indien. Leider kommt es in diesen Ländern oft zu Qualitätsmängeln bei der Herstellung, sodass die Produktion plötzlich gestoppt werden muss. Dadurch wird die Lieferkette unterbrochen, es entstehen Engpässe. Die Situation wird durch den langen Transportweg noch weiter verschärft. Ein weiterer Grund für Lieferengpässe besteht darin, dass einige Arzneimittel lediglich von einem oder nur sehr wenigen großen Konzernen hergestellt werden. Kommt es zu Problemen bei der Produktion, ist der gesamte Weltmarkt betroffen.

Ist Corona eine der Hauptursachen?

Medikamentenengpässe sind vielmehr eine Nebenerscheinung der Coronapandemie. Hervorgerufen werden sie durch die Reise- und Handelsbeschränkungen, die den Import in die Europäische Union schwierig machen. Dies war vor allem 2020 deutlich zu spüren, als Indien den Export 26 pharmazeutischer Inhaltsstoffe stoppte. In Europa werden vor allem Generika durch die Apotheken vertrieben. Und gerade diese Generika sind es, die massenweise in Asien hergestellt werden. Ein Lieferengpass ist jedoch nicht mit einem Versorgungsengpass gleichzustellen. Bisher ist es in Österreich trotz der Coronakrise zu keinen Versorgungsengpässen gekommen. Daher lässt sich die Coronapandemie nicht als eine der Hauptursachen für Medikamentenengpässe nennen. Es ist vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das dazu geführt hat, dass in vielen europäischen Apotheken fortwährend Arzneimittelknappheit herrscht.

Welche Medikamententypen sind vom Engpass besonders betroffen?

Bei über der Hälfte der Medikamente, die von einem Engpass betroffen sind, handelt es sich um Krebstherapiemittel, Impfstoffe und Arzneimittel zur Behandlung von Krankheiten wie Parkinson oder Epilepsie. Da rund 60 % des im Handel erhältlichen Paracetamols und 50 % des Ibuprofens in Indien und China hergestellt werden, könnte es vor allem bei diesen Arzneimitteln theoretisch zu Engpässen kommen. Bei Penicillin sind es sogar 90 %. Betroffen sind auch parenterale Vitaminpräparate, die derzeit nur in reduzierter Menge zur Verfügung stehen.

Woher kommen unsere Medikamente hauptsächlich?

Obwohl die großen Pharmakonzerne in Europa und Nordamerika ansässig sind, beziehen auch sie die Rohstoffe für ihre Arzneimittel aus Asien. Hauptlieferanten sind China und Indien. Die Grundsubstanzen für Antibiotika werden in der Regel in China hergestellt und anschließend in Indien weiterverarbeitet. 

Rund 90 % aller Antibiotika in der Europäischen Union stammen aus Asien.

Von dort aus gelangen die Arzneimittel dann in die ganze Welt.  Der Grund für diese komplizierte Lieferkette ist der Preis, der trotz des weiten Transportweges unter demjenigen europäischer und amerikanischer Hersteller liegt. Gerade bei älteren Medikamenten, deren Patent abgelaufen ist, ist die Preiskonkurrenz überaus groß. Außerdem greift in Indien der Patentschutz nicht. Somit kann ein Präparat aus Indien noch während des Patentschutzes als Generikum hergestellt und sofort in Europa vermarktet werden, sobald das Patent ausläuft.

Wäre der Ausbau der heimischen Produktion eine Lösung?

Um in Zukunft eventuellen Engpässen entgegenzuwirken, müsste man die Produktion wieder in die Europäische Union verlagern. Allerdings wäre dies mit erheblichen Kosten verbunden, die auch der Konsument zu tragen hätte. Das Europaparlament hat ein neues Gesundheitsprogramm unter dem Namen “EU4Health” verabschiedet, das die Verfügbarkeit von Arzneimitteln verbessern soll. Dazu gehört auch die Einrichtung einer “europäischen Notfallapotheke“. Sollte es in bestimmten Mitgliedsstaaten zu Engpässen kommen, können Medikamente aus dieser Notfallapotheke bezogen werden. Außerdem soll die Pharmaproduktion in der Europäischen Union gefördert werden.

Fotoquellen: Adobe Stock, https://stock.adobe.com; https://elements.envato.com

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